Seltenes ist selten!

11/29/2017

Jetzt sprießen sie aus dem medizinischen Boden. Die Institute auf der Suche nach dem seltenen medizinischen Einzelfall! Nie wieder verirren, wie der ein oder andere Episoden-Arzt vor spannender Bergweltkulisse. Schickt die Fälle nach Bonn oder Marburg. In Bonn eröffnet das Zentrum für seltene Erkrankungen Bonn: "Eine Diagnose kann auch dann gestellt werden, wenn nur wenige Symptome vorliegen!" What a claim. Die müssen bei Dr. House abgeguckt haben. In Marburg arbeitet der preisgekrönte Prof. Schäfer (in der Bildmitte, 2014) den ich auf dem deutschen Chirurgenkongress in Berlin kennenlernen durfte. Ein klassischer Hochschullehrer. Kritisch. Wissenschaftlich. Der sich von Fehlern einer fehlerhaften Filmdramaturgie nicht aus dem Konzept bringen lässt. Selbst Dr. House macht Fehler. Logik- und Folgefehler. Schäfer macht sich über die Anschlussfehler lustig, wenn House mal von rechts und dann von links ins Bild kommt, oder mit dem Auto losfährt im Regen und das Fenster offen bleibt. Das sind Singularitäten des Films. Die merkt keiner. Ich sage dazu: das ist der James-Bond-Effekt. Die vielen tausend kleinen Lügen gehen im großen Ganzen unter, im großen fantastischen Rauschen. Wenn James Bond über den Dachfirst rennt, im Kugelhagel, von Motorrädern verfolgt und nichtmal der Kameramann, der das ganze film, fällt vom Dach. It's impossible and MAGIC. 

Ganz unglaublich sind die REALEN Geschichten. Wenn eine Mutter eine Bergdoktorfolge sieht, dadurch wieder Mut fasst, nach Jahren, das kranke Kind erneut zu einem neuen Facharzt bringt, um den Bann zu brechen und verzweifelt darum bittet, schaut bitte nach, das Kind muss eine seltene Krankheit haben. Was es hat, tatsächlich. Eine Behandlung die endlich half, Symptome linderte, wundersamerweise in der Realität gefunden durch die Fiktion motiviert.

Dankbar süß die Geschichten, wenn ein Medikament im Film Nebenwirkungen macht, obschon die noch unbekannt sind und durch die Fiktion nur behauptet werden. Aber bäm! fetten Impakt zeigen. Später dann, in der Klageerwiderung des Senders, musste das klagende Pharmaunternehmen seinen großen Schwanz einziehen, weil die Fiktion ihr Recht behielt. So ein Film hat ja ein Jahr Vorlaufszeit, bis er gesendet wird. Die Fiktion als Marathon-Hellseher, als Dr. Magoo und Medium. Die Autoren hatten Recht, das Medikament, das es noch garnicht gab, und noch garnicht die Nebenwirkungen machen konnte, tat es dann doch, als es zugelassen wurde und wirkte. Crazy.

Wie berührend sind medizinische Narrative, solche die mich erreichte über eine 16.-jährige, die seit ihrem ersten Lebensjahr irgendwie immer und dauernd krank war. Erkältungen. Schnupfen. Allergien. Hauterscheinungen. Hartnäckige bakterielle Infektionen. Dieser Mensch kämpft. Macht die Grundschule. Macht das Gymnasium. Schafft das Abitur. Trotz zahlreicher Ausfälle. Klinikzeit. Operationen. Was hat sie nur, was macht sie krank. Ein genetischer Defekt. Im Schutzsystem des Körpers. Ich erzähle davon unter meinen Kollegen. Und dann bekommt dieses Seltene ein Gesicht. Meine Kollegin hat einen Sohn. Ihm fehlt das soundso-Gen. Immundefekt. Sie haben ein Buch geschrieben. Alle Immundefekte gesammelt. Zum nächsten Termin schenkt sie mir das Buch. Voller trauriger und voller glücklicher Geschichten. Von Beerdigungen. Von Heilungswegen. Von Hoffnung. Und immer wieder dieser Satz im Hinterkopf: zu wenig Fälle, damit die Pharmaforschung da investiert.

Ich erforsche mit der Fiktion. Ich möchte es laut hinaus schreien. Erzählt diese Geschichten, diese seltenen Geschichten. Verlasst die Lehrbücher. Die engen Räume des Lehrplans. Mediziner: raus aus der Box! Forscher: raus aus der Kiste. Die Biologie der Krankheiten ist ebenso komplex und singulär, wie es die Biologie des Lebens selbst ist. Kann per Gen-Analyse die perfekte antidepressive Medikation gefunden werden? Kann Angst per Genchirurgie herausgeschnitten werden? Kann Blut gezielt an den stellen wieder flüssig werden, wo es sich zu einem Pfropfen verklumpt hat? Ja, ja und ja. Die Grundlagenforschung macht es möglich. Könnte ein Krebsgeschwulst so markiert werden, dass die Abwehrzellen es erkennen und zerstören? Kann, ja kann. Wann aber können die unheilbaren Krankheiten gestoppt werden? Warum ist ein Glioblastom so furchtbar tödlich und warum zerstört Schizophrenie das Gehirn so gnadenlos.

Da ist diese andere Geschichte, die einer großen, hübschen und klugen bayrischen Frau die begeisterte Skifahrerin war, sogar damals in den 90igern zur Auswahl für den Alpin-Kader stand. Studentin der Literatur und Journalistik. Sie bekam, wie leider 1% der Menschen, eine Schizophrenie. Jahrzehnte würde es brauchen, bis aus der mobilen, agilen, klugen Frau ein Mensch wurde, der lebensbestimmend nur noch stehen und ab und an umfallen konnte, in katatonen Krämpfen gefangen, ohne Sprache, ohne Mimik und in ihrem leergefegten Geist verschwunden.

Natürlich gibt es zwischen Seele und Körper alle möglichen psychosomatischen Symptome, die sich real körperlich darstellen. Die Tako-Tsubo Kardiomyopathie. Hört sich viel schöner für Dramaturgen an, wenn wir sie Broken-Heart-Syndrom nennen. Mit apikal balooning und schweren Arrhtyhmien. Stress macht auch die Backenzähne platt und schiebt die Bandscheiben aus der Lende raus. Verkürzt die Hüftbeuger. SMS-Chats machen blind und kurzsichtig und sogar digital dement. Kindergenerationen getarnt als demente Cyborgs werden unsere Rente bezahlen. Oder? Etwa nicht? Wenn wir dann alt sind und unsere Multi-Fruit-Smoothies trinken, droht uns der Exitus, wenn wir nicht aufpassen. Denn Grapefruit-Saft blockiert die Leber und lässt Gifte im Körper ansteigen. Histamin-haltiger Saft lässt unterdrückte Unverträglichkeiten explodieren. Wir blähen uns zu Tode an Laktose. Zitrone hingegen soll sooo gesund sein. Wie Magnesium. Oder diese Salze. Wir sind doch wie Magnesium, wie, ja wir sind doch wie... Sternenstaub.

Wenn ich heute in meiner dctp.tv Datenbank mir dieses Filme und Interviews, die wirklich kostbaren Seltenheitswert haben, anschaue und mich damit irgendwie mit Menschheitswissen auflade, seit Jahrzehnten erschaffenes und gut sortiertes Wissen und der Archivar Prof. Alexander Kluge seine Äcker hegt und pflegt und auch meinen lieben und guten Bekannten Uwe Walter über das Erzählen interviewt, dann bin ich bereit und höre sehr gern zu.

Haben wir auch verlernt, nicht? Das gute Zuhören. Wäre da nicht dieser Tinnitus. Über den ich hinweghören könnte, aber er zeigt mir doch in seiner surrenden und pfeiffenden Methaper, wie zerbrechlich das Ich und sein Körper ist. Die größte aller Kränkungen bleibt der Zerfall des eigenen Körpers. Auch das kann melodramatisch als Film erzählt werden. Eine Arztserie ohne Arzt und ohne Heilung. Der Arbeitstitel: Der Zerfall. Zielgruppe: Alle. Budget: Low. Ausstattung: ein Mensch. Der Plot: sein Leben und was ihn Stück um Stück niederstreckt. Drehzeit: ca. 80 Jahre.

Bleibt gesund!