...laktosefrei ist Sülze!

12/15/2017

Arztserien sind verschwenderisch. Sie vergeuden die kleinen Schätze des Alltags. Die Fun-Facts des real existierenden Lebens. Als Vorbildpatient einer Vorbildstation einer Vorbildklinik mit einem "beeindruckenden Befund" erlebt der Unterzeichnende, wie dieses real Existierende wirklich ist und in der Fiktion schöner nicht sein kann. Fangen wir mit dem Faktor ZEIT an. Die Umbestellung der Essens-Kategorie von "Laktosefrei" auf "Normalkost" dauert drei Arbeitstage. In dieser Zeit, so bestätigen anonyme Quellen, hat Dr. Gruber aka Der Bergdoktor schon sein Wunder vollzogen und die Gesamtheilung vollbracht. Der Gast sitzt derweil noch auf der Laktose-Schonkost. Dieser Gast hatte in einem von Opiaten getrübten Moment der Selbstermächtigung für sich festgelegt, es sollte für den Zeitraum seines Aufenthaltes nun ohne Milchzucker sein. Ja, können wir machen. Laktosefrei. In Ordnung. Am ersten Abend gab es nun, mit der Hexe im Rücken, die zugesicherte Kost. Nur wie komisch ernüchternd alle Opiatträume zerstäubt waren, nicht ohne ein nach Innen gerichtetes Kichern, hysterisch, als der Gast den Plastikdeckel hob: Sülze! 

Welch Pläsier, welch Glück, wie weihnachtliches Glockengeläut schallt es zart, durftet es in die Nase, das Leibgericht, es war serviert. Zum Glücke war noch ein Opiätchen übrig, ein gern und rasch eingenommener Trost!

So plätscherte die Nacht dahin, die erste, dann die zweite und aus der Tiefe wuchs der Wunsch, materialisierte sich in einem sprechbaren Konvolut aus Wörtern, die Diät doch bitte abzuändern und zu normalisieren, auch wenn die größte aller Befürchtungen, das Aufblähen eben, als Risiko ritterlich zu nehmen war. Aber lieber etwas mehr Gase bilden als durch einer aktuten seelischen Traumatisierung durch Sülze noch vor der angedachten Operation zu verenden. Schambesetzt und vorsichtig bat ich um den erheblichen Eingriff in meinen Diätplan. Oh das braucht ein paar Tage, war die Replik der Fachfrau mit dem Tablet-PC in der Hand. Ihre Finger huschten über die Digitalanzeige der Vorbildklinik, ihr ernster Blick ließ Schuldgefühle in mir wachsen, dann erhellte sich ihr Gesicht. Übermorgen, wenn's gut geht, dann haben Sie wieder Normalkost! Wunderbar, ein Traum. Ich lächelte reflexartig zurück, dem Heulen nah. Innerlich. Und drehte mich in meinen Schmerz und in die Kissen.

Was Arztserien jämmerlich verschwitzen ist neben diesem einen Leiden auch die Kostümierung des Klienten. Forsch bringt die Nachtschwester einen Stapel Wäsche, das Hemdchen mit dem Fädchen, eine Unterhose aus einem feinem transparent-elastischem Netz und die Thrombose-Prophylaxe-Kompressionsstrümpfe. Haben wir Rezipienten moderner Arztserien jemals den Unterhaltungswert genossen, wenn sie ein Herr mittleren Alters eine weiße bis zur Leiste reichende Strumpfhose anzieht??? Liebe Autoren und Regisseure, bitte nehmt dies auf in Euer Repertoire.

Nachts, wenn die Lichter ausgehen und die schlaflosen Patienten unter den Bildschirmen liegen, dank an mechanischen Schwenkarmen befestigter Multi-Funktions-Geräte, nun, kann man was erleben. Der Konsum von ARD und ZDF fällt leicht durch die voreingestellten Sender. Doch hach! Schon fallen Fehler auf. Der Stationsarzt selbst spricht den Gast am Tage an, das kann doch nicht sein, wenn ein Notfallpatient eingeliefert wird, in dieser einen Serie, die da gestern lief, und da sagt der, sofort in das MRT. Als Notfall. Das ist doch ein großer Fehler und wo waren Sie, als Berater. Sie sind doch der Mann vom Film? Ja, sage ich, beschwichtige. Man könne ja nicht überall sein. Was für eine Serie war das denn? Wir bleiben an der Oberfläche. Dem Stationsarzt fällt nicht ein, wie die hieß. Noch welcher Sender. Noch wann es lief. Vielleicht, es war ein Mittwoch, kann es die eine sein, seine Frau sieht die so gerne. In dem Moment ruft eine Krankenschwester und der Gast bleibt alleine stehen, auf dem Flur.

Der Spaß in der Narkoseeinleitung war umso größer, als Anästhesiepfleger H. sich zweimal beim Zuganglegen verstach und sich zugleich beim Gast bewarb. Wie gerne wäre er auch mal beim Film, am Set, um die Schaupieler zu beraten. Ich lache ihn hinter seiner Maske an und sage, beim Bergdoktor da kleben wir die Zugänge einfach dran. Herr H. lächelt unsichtbar für mich bitterlich hinter der Maske und wünscht sich vielleicht beim dritten Mal den Treffer in die Vene. Der Sekundant ist der Anästhesist himself und trifft, glatt und sauber in die andere Hand. Es läuft. 

Da der Gast gut informiert auf die dröge machende Prämedikation verzichtete bekommt er alles wunderbar mit und die OP-Einleitung brennt sich ein als eine Gedächtnisspur. Das Sufenta nun, das richtig gute Zeug, beamt den halben linken Kopf weg, knipst aus was bislang gut lief und der Gast schwebt mit halbem Hirn wie ein schlafender Delfin in den OP. Hier, auf der Schwelle dann, verliert er das Bewusstsein.

Traumlos und schmerzfrei erwacht der Gast, geheilt durch die OP in seinem Zimmer. Die Lücke in der Zeit unwiederbringlich verloren. Ein Sprung im Strahl der Existenz. Das gern gegebene Opfer für die OP.

Die Reise wäre nun vollbracht. Mit Dank. Träte da nicht an den OP-Tisch eine wohlbekannte Gestalt und lüpfte sein Antifaz. Es ist der Gruber Martin. Er lächelt vertraut in mein Gesicht. Doch Angst durchfährt den Leib des Gastes. Nein, nein. Der ist kein Arzt! Schauspieler ist er und operieren will er mich? Schreck springt in meinen Körper und ich springe vom Tisch, reiße alle Kabel aus der Wand und hetze panikvoll durch den OP-Trackt auf der Flucht vor diesem Bild. Raus in den Schnee in die klare Nacht, auf die murnauer Ebene, weit raus aufs Moos. Zitternd kringel ich mich unter eine Buche. Warte. Kann es sein, kann es wirklich sein? Wie im Delirium treibt es mich und merke bald, es trägt die Stimme dieses Hörfreundes mich, in einen ruhigen Schlaf. Ich bin entspannt und immer ruhiger werde ich. Schlummer sanft ein.

Zurück nun WIRKLICH in der Nacht, geheilt und schlaflos dreht der Gast seinen Kopf und blinzelt. Was treibt der Zimmernachbar da? Es ist halb fünf Uhr in der Früh und welch lustig Geschicht sich nun entpuppt, hat auch noch keine Arztserie gesehen. Der Zimmernachbar platt im Bett unter dem Fernseher liegend genießt die pure Fleischeslust, denn um diese Zeit, tief in der Nacht, da läuft bekanntlich nur das EINE. Der Gast, verlegen, sucht erneut zu fokussieren und blinzelt hin: was guckt der da??? Ein Schelm wer Böses dabei denkt, aber auch die Funktion der Lust muss überprüfbar bleiben. Sogleich springt die Sorge über auf den Gast, wie es um seine eigne Lust-Funktion so steht, noch will er dies nicht prüfen. Erst will der Gast dem Opiate fröhnen, sich dem fliegenden Fluß hingeben, dem zarten Dröhnen. Mit einem Lächeln schläft er ein.

Obacht sei an dieser Stelle ausgesprochen, denn wer im Rausche eifrig Selfies macht von seinen Wunden und der eignen Pracht, ist nicht geschützt, wenn er dies teile, sei es in WhatsApp oder Facebook. Nicht nur, dass eigene Daten nackter Haut und Wunden online gehen, sondern auch, dies sei gesagt, die Rechte der Persönlichkeit der anderen verletzt werden. Wenn diese nämlich schwer erträgliches Bildmaterial ansehen müssen. Das Risiko zur Straftat ist hier erheblich! Daher finger weg vom Handy.

Am Ende dieser Reise nun, da bleibt die krude Wahrheit förmlich stecken in den Folgen des verschärften Opiatkonsums. Dass Opiate den Darm obstruieren und die Obstipation die letzte große Hürde Richtung Heimat ist, weiß nun auch der Gast dieses ehrenwerten Hauses. Nimm Abschied Herz und Schmerz im Darme, wohldenn und sei froh und gesunde!

Vielleicht war hier genug Analogie verborgen, was moderne Medizin erzählen kann. Vielleicht war auch für jeden etwas dabei, zwar schwer durch Script und Kameraführung einzufangen, aber vielleicht eine Idee dies weiter zu erzählen. In Bild und Ton.

Bleibt gesund!